Mikrothesen im personenzentrierten Coaching

In meinem ersten Ausbildungsmodul bei INeKO lernte ich den personenzentrierten Ansatz nach Carl Rogers als einen möglichen Coachingansatz sowie das Coachen mit Hilfe sogenannter Mikrothesen kennen. Ich bekam dabei einen Einblick, wie herausfordernd eine wirklich gute Gesprächsführung sein kann. Außerdem merkte ich, dass ich für Coachinggespräche durchaus die eine oder andere bisher gelernte Fragetechnik für diesen Zweck noch einmal neu betrachten muss. Das flößte mir schon mal ziemlichen Respekt ein.

Echte Empathie, d.h. ein zutiefst einfühlendes Verständnis, und bedingungslose Wertschätzung für den Coachee spielen beim Coachen und insbesondere beim personenzentrierten Ansatz eine ganz wesentliche Rolle. Auch wenn ich mich bisher schon für einen recht empathischen Menschen gehalten hatte, wurde mir im Rahmen dieser ersten Ausbildungstage bewußt, dass ich hier noch eine ganze Menge lernen kann: Wie weit Empathie wirklich geht und dass es sogar möglich ist, bspw. für jemanden, der einen anschreit, immer noch Empathie zu empfinden. Dabei geht es nicht darum, dem anderen in allem Recht zu geben oder alles zu tun, was der andere sagt und will. Empathie bedeutet, sich völlig in die Situation des anderen hinein zu versetzen, ihn so genau wie möglich in seiner Emotion wahrzunehmen und ein möglichst genaues Verständnis für seine Gefühle und Empfindungen zu entwickeln. Es geht darum, die Persönlichkeit des anderen anzunehmen, auch wenn ich nicht alle seine Eigenschaften und Verhaltensweisen gleichermaßen schätze. Diese Haltung hilft dem Coach, dem Coachee seine eigenen Emotionen widerzuspiegeln und ihn dabei zu unterstützen, sich aus einer gewissen Distanz heraus zu betrachten und selber Lösungen für sein Thema zu entwickeln.

Aber was bedeutet personenzentrierter Ansatz? Und was genau sind Mikrothesen?

Beim personenzentrierten Ansatz steht der Coachee im Mittelpunkt. Dem Ansatz liegt die Hypothese zugrunde, dass jeder Mensch selbst der beste Experte für das eigene Leben ist und über ein in ihm liegendes Potenzial zur Persönlichkeitsentwicklung verfügt. Der Coach kann ihn dabei unterstützen, selbst die beste Lösung für sein Problem mit Hilfe seines eigenen Potenzials zu erkennen. Über die Art der Gesprächsführung verhilft der Coach dem Coachee, seine Aufmerksamkeit ganz auf die eigenen Gefühle, Sorgen und Gedanken zu richten und den Coach dabei am besten fast zu vergessen. Die Aufgabe des Coachs ist es, den Coachee im „Gespräch mit sich selbst“ zu unterstützen und ihm seine volle Aufmerksamkeit zu schenken.
Dabei helfen Mikrothesen. Mikrothesen sind konkrete Aussagen, ausdrücklich keine Fragen, die der Coach im Rahmen des personenzentrierten Coachings gegenüber dem Coachee bzgl. eines vermuteten Gefühls oder einer vermuteten Absicht äußert. Über diese Thesen versucht der Coach, dem Gefühl des Coachees möglichst nahe zu kommen und sich mit Empathie ganz in seine Situation hinein zu versetzen. Der Coachee kann einer geäußerten These zustimmen oder sie ablehnen. Wichtig ist dabei, dass diese Aussagen nicht als Frage, aber in einem fragenden Unterton gestellt werden und dass sie dabei so weich formuliert sind, dass es dem Coachee leicht fällt, ggf. auch zu widersprechen. Es handelt sich ja um Annahmen und Vermutungen des Coachs, die den Coachee zu einer Reaktion veranlassen sollen. Mikrothesen sollen den Coachee emotional ansprechen und ihn zum Nachdenken bringen. Von daher ist es gar nicht unbedingt erstrebenswert, eine Mikrothese so zu formulieren, dass sie absolut zutrifft. Besser ist eine leichte Abweichung, da sie den Coachee stärker zum Reflektieren veranlasst als eine Aussage, die er einfach nur mit „ja, genau“ beantworten kann. Mikrothese sind außerdem so zu formulieren, dass sie die Aufmerksamkeit immer nur auf den Coachee lenken und nicht auf andere Themen, Dinge oder Personen.

Zum besseren Verständnis möchte ich hier ein paar Beispiele für ansprechende Mikrothesen aufführen:

„Du machst dir vielleicht Sorgen, dass etwas Schlimmes passiert?“
„Du bist verärgert über deinen Partner/Chef/Nachbarn….?“
„Du fühlst dich eventuell bevormundet durch das Verhalten deines Partners/Chefs/Nachbarn …?“

Mikrothesen helfen dem Coach bei einem schrittweisen Herantasten an das Problem. So kann ein Abgleich des Gesagten stattfinden, der es dem Coachee wiederum einfach macht, eine Reaktion zu zeigen bzw. das Gehörte zu reflektieren, ohne dabei abgelenkt zu werden. Der Coach soll das Gespräch nicht führen, sondern begleiten und den Coachee bei der Reflexion unterstützen. Eine ungeschickte Formulierung kann die Aufmerksamkeit des Coachees dabei ganz leicht in die falsche Richtung lenken. Der Coach muss sich in Bescheidenheit üben, da er das Gespräch nicht lenken darf, sondern den Coachee nur in seinen emotionalen Gedankengängen unterstützt.

Anfangs zweifelte ich noch, ob das überhaupt funktionieren kann. Wie soll man anhand solcher Mikrothesen ein zusammenhängendes Gespräch führen, ohne dass es merkwürdig klingt? Aber schon die ersten Übungen in der Coachinggruppe zeigten mir, wie gut das geht. Und wie klein der Unterschied ist zwischen einer Mikrothese und einer (geschlossenen) Frage, wie groß aber die Wirkung. Ich fand es erstaunlich, wie anders das Gespräch verlaufen kann, wenn man sich als Coach komplett von dem Gedanken löst, dem anderen eine Lösung anbieten zu müssen, sondern sich stattdessen so gut wie möglich dessen Wirklichkeit annähert und ihn mit viel Empathie zum Nachdenken anregen kann. Wie oft kommt es vor, dass mir jemand etwas erzählt und ich – bewusst oder unbewusst – umgehend anfange, mir mein eigenes Bild zu machen, zu bewerten, ggf. sogar zu urteilen – und mir vor allem zu überlegen, was ich in dieser Situation tun würde oder wie (m)eine Lösung aussehen könnte. Bei den verschiedenen Coachingübungen, in denen wir mit Mikrothesen arbeiteten, wurde mir bewusst, dass es gar keine Rolle spielte, ob ich selber das Problem als solches empfinden würde oder nicht. Es zählte allein die Tatsache, dass der Coachee damit einen Schmerz hat, den er gerade nicht in der Lage war zu heilen. Ich urteilte nicht über das Problem an sich, sondern spürte allein die Empathie für den Coachee und sein Problem, das ihn bewegte.
Man kann zwei Arten von Mikrothesen unterscheiden, die problemorientierten und die lösungsorientierten Mikrothesen. Beide Formen haben im Rahmen eines Coachings ihren Zweck. Mit der problemorientierten steigt der Coach in das Gespräch ein und spricht so lange eine Mikrothese nach der anderen aus, bis der Coachee sichergehen kann, dass der Coach sein Thema möglichst gut durchdrungen und verstanden hat. Diese Einschätzung ist natürlich immer subjektiv und setzt voraus, dass der Coach sich ganz und mit aller Empathie auf den Coachee einlässt. Dann kann der Coach auf lösungsorientierte Mikrothesen umschwenken. Lösungsorientierte Mikrothesen bedeuten nicht, dass der Coach dem Coachee hiermit eine Lösung anbietet, sondern dass er seine Mikrothese mit einem positiven Fokus formuliert, die es dem Coachee ermöglicht, selber in Richtung einer Lösung zu denken.
Schien es mir anfangs noch deutlich leichter, eine problemorientierte Mikrothese zu formulieren, entwickelte ich Stück für Stück auch lösungsorientierte Thesen, um dem Coachee bei der Entwicklung eigener Ideen zu helfen und sich der Möglichkeiten in seiner Situation (wieder) bewusst zu werden. Dabei ist zum einen wichtig, dass man den Emotionen des Coachee im Vorfeld ausreichend Raum gegeben hat und zum anderen, dass diese lösungsorientierten Mikrothesen keine eigenen Lösungsvorschläge beinhalten, sondern immer an das anknüpfen, was der Coachee im Rahmen des Gesprächs erzählt, bspw. was er in der Vergangenheit schon Positives geschafft hat.
Ein paar Beispiele zu lösungsorientierten Mikrothesen:
„Du könntest dir vorstellen, dass dir Person XY helfen kann?“
„Du siehst vielleicht, was du hier schon alles erreicht hast?“
„Du warst möglicherweise schon mal in einer ähnlichen Situation und weißt, wie es funktionieren könnte?“
Mein erstes Übungscoaching mit Mikrothesen habe ich mittlerweile schon durchgeführt und war wirklich happy hinterher. Mein Coachee hoffentlich auch! Ich habe es tatsächlich geschafft, ein knapp 20-minütiges Coaching rein auf Basis von Mikrothesen zu führen und fand es überhaupt nicht mehr komisch. Im Gegenteil fühlte es sich völlig selbstverständlich an, mich mit Hilfe von Mikrothesen ganz auf die Situation des Coachee einzulassen. Ein weiteres Übungscoaching folgt demnächst und ich bin schon sehr gespannt, wie es verlaufen wird. Und ob ich die 20-Minuten-Grenze noch knacken kann :-).

4 Antworten auf „Mikrothesen im personenzentrierten Coaching“

  1. Wow, Dagmar, toller Artikel!
    Bin gerade zufällig darauf gestoßen, freut mich sehr!
    Herzliche Grüße von Deiner Ausbildungs- und Agile Coaching-Kollegin
    Katrin

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