Master Yourself – meine Haltung als Coach

In unserer letzten Agile Session Time hatte ich mit einer Kollegin und einem Kollegen zusammen eine 45-minütige Session mit dem Titel „Master Yourself – meine Haltung als Coach“ angeboten. Dachte ich anfangs noch, dass drei Leute vielleicht ein wenig viel sind für eine einzige Session, war ich bei der überraschend großen Anzahl der Teilnehmer doch ganz froh über weitere Unterstützer. Das Thema stieß offensichtlich auf erhebliches Interesse.

Worum ging es uns in der Session?

Heutzutage ist Coaching in aller Munde. Führungskräfte sollen coachen, Scrum Master sollen coachen. Product Owner und Teams sollen gecoacht werden. Ist denn dazu eine Ausbildung zum Coach erforderlich? Nun habe ich zwar selber eine Ausbildung zum Systemischen Coach gemacht und finde das Wissen aus dieser Ausbildung insgesamt definitiv hilfreich und förderlich in meinem Job als Scrum Master. Ich würde allerdings nicht so weit gehen, dass eine komplette Coaching-Ausbildung zwingend notwendig ist, um Leadership zu leben und eine gute Führungskraft oder ein guter Scrum Master zu sein.*

Je nachdem, ob man nun z. B. Product Owner, Teams oder Einzelpersonen coacht, können unterschiedliche Methoden und Tools zum Einsatz kommen. Was aber unabhängig von der jeweiligen Zielgruppe identisch ist und was aus meiner Sicht immer eine ganz wesentliche Rolle spielen sollte, ist die Haltung, mit der man in ein solches Gespräch geht. Diese Haltung ist meiner Meinung nach die wichtigste Voraussetzung, um überhaupt ein gutes Gespräch führen zu können. Ich würde sogar so weit gehen, dass wir ohne eine entsprechende Coachinghaltung gar nicht in der Lage sind, jemand anderes zu coachen.

Das Ziel unserer Session war es, näher auf diese Haltung einzugehen und Wege zu zeigen, wie man zu einer Coachinghaltung kommen kann. Dazu haben wir den Teilnehmern zum einen ein wenig Input gegeben und zum anderen kleine Übungen mit ihnen gemacht.

Im Rahmen der Session sind wir auch auf das Kapitel „Master Yourself“ aus dem Buch Coaching Agile Teams von Lyssa Adkins eingegangen, das ich hier schon des öfteren empfohlen habe.

Master Yourself - meine Haltung als Coach

Lyssa Adkins sagt, dass als Coach ca. 40% meiner Tätigkeiten aus dem eigentlichen Tun, d.h. dem – sichtbaren – Einsatz verschiedener Methoden bestehen. Die anderen 60% sollten wir auf unser – nicht immer ganz so sichtbares – Sein als Coach, d.h. unsere Haltung, verwenden, die wir in unserem täglichen Tun zeigen. Damit erzielen wir eine viel größere Wirkung.

Coaching starts with you, but it is not about you.**

Als Coach sollte ich in der Lage sein, meinem Coachee den notwendigen Raum zu geben und eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, so dass er/sie sich im Gespräch möglichst ganz öffnen kann. Damit mir das gelingt, sollte ich mir regelmäßig die Zeit nehmen, meine Gefühle, meine Gedanken und meine Handlungen zu reflektieren. Für andere Raum zu lassen  bedeutet auch, sich selbst zurücknehmen zu können. Das kann durchaus eine Herausforderung sein für diejenigen von uns, die es eigentlich gewohnt sind, auf der Bühne zu stehen und immer den Ton anzugeben.

Wie komme ich da hin? Verschiedene Faktoren spielen hier mit rein, die in dem Buch sehr gut beschrieben sind:

      • Wie ist mein Menschenbild: Sehe ich andere als Hindernis auf meinem Weg oder als Menschen mit ihren eigenen Ängsten, Wünschen, Sorgen?
      • Wie reagiere ich üblicherweise in Konfliktsituationen? Kenne ich mein reflexartiges Verhalten, wenn ich in Stress gerate?
      • Wie ist meine übliche Sprache im Umgang mit anderen – gewaltfrei oder doch eher das Gegenteil?
      • Gehe ich mit „leerem Kopf“ in ein Coachinggespräch und kann mich so komplett auf mein Gegenüber einlassen? Oder trage ich meine eigene Agenda, meine Emotionen und Gedanken mit mir herum?
      • Bin ich in der Lage, dem anderen ganz mit allen Sinnen zuzuhören oder bin ich in Gedanken schon bei meinem nächsten Satz?
      • …..

Das Thema Selbstreflexion, wozu ich bereits einen Blogbeitrag geschrieben hatte, ist ein ganz wesentlicher Bestandteil, um in eine gute Coachinghaltung kommen zu können.

Praktische Übungen fördern die eigene Selbsterkenntnis.

Um das Ganze etwas griffiger zu machen, hatten wir auch ein paar Übungen für die Teilnehmer dabei.

In der 1. Übung ging es darum, ein paar reflektierende Fragen zu beantworten:

        • Worauf kann ich als Coach bauen?
        • Was gibt mir Sicherheit?
        • Wo gerate ich ins Schwimmen?
        • Womit kämpfe ich immer wieder?

Zunächst reflektierte jeder diese vier Fragen 2 Minuten für sich allein. Danach schlossen sich die Teilnehmer zu Zweiergruppen zusammen und tauschten sich über ihre eigenen Erkenntnisse aus. Dabei blieb es jedem selber überlassen, wie viel persönliche Details man preisgeben wollte. Dieser Austausch – und ggf. auch wie/ob er stattfand, wie schnell man sich als Gesprächspartner zusammenfand – brachte durchaus neue Erkenntnisse bei einigen Teilnehmern.

Die 2. Übung fand im Stehen statt. Die Teilnehmer sollten dazu die Augen schließen und sich gedanklich so intensiv wie möglich in eine konkrete Situation hinein versetzen, in der sie an ihr Team bspw. eine Frage gestellt oder eine Aussage getroffen hatten und eine Antwort erwarteten. Danach sollte jeder für sich überlegen, wie lange er/sie eine auftretende Stille aushalten könnte und dann die Hand heben, wenn er/sie etwas sagen würde. Nachdem alle – nach unterschiedlichen Zeitspannen, die von uns Moderatoren gestoppt wurden – wieder die Augen öffnen konnten, ergaben sich ganz interessante Diskussionen in der Gruppe. Die Zeiten waren sehr unterschiedlich. Die Übung ist eine gute Möglichkeit, mal zu erkennen, wie gut man Stille aushalten kann und wie schnell man ggf. reflexartig einspringt, wenn für einen Moment niemand etwas sagt. Stille auszuhalten ist ein ganz wichtiger Aspekt, wenn ich coachen möchte. Nur so kann ich meinem  Gesprächspartner überhaupt die Möglichkeit zum Nachdenken geben und so hat er die Chance, selber zu einer Erkenntnis zu kommen.

Die 3. Übung, die wir aus Zeitgründen nicht mehr ganz durchführen konnten, bestand aus einer Liste mit verschiedenen, in unserem Arbeitsumfeld recht typischen, schwierigen Situationen. Die Teilnehmer konnten hierzu in einer Spalte aufschreiben, wie sie in einer solchen Situation üblicherweise reagieren würden, und in einer 2. Spalte alternative Reaktion für diese Situation zu überlegen. Ziel dieser Übung war es nicht, richtige Standardreaktionen zu finden, sondern auch hier wieder durch Austausch und Reflexion zu überlegen, ob man ggf. in bestimmten Situationen auch mal anders reagieren könnte – um am Ende bessere Reaktionen damit zu erreichen.

Das Feedback der Teilnehmer zu unserer Session war insgesamt sehr positiv. Einige baten direkt um eine vertiefende Folgesession, um sich noch intensiver damit zu beschäftigen, wie man zum Coachen seinen Kopf freimachen kann und um sich mit seinen reflexartigen Reaktionen in Krisen und Stresssituationen auseinander zu setzen.

Wir arbeiten schon daran 🙂

* Die Begriffe Coach und Coaching sind ja nicht geschützt. In Teilen gibt es durchaus abweichende Sichten, was Coaching genau bedeutet und inwieweit man bspw. ohne expliziten Coachingauftrag überhaupt coachen sollte. Ich spreche hier in diesem Blogbeitrag ausdrücklich nicht von Systemischem Coaching. Bei den Punkten, auf die es mir hier ankommt – Coachinghaltung und Selbstreflexion -, ist meine Sicht aber identisch, so dass meine Aussagen meiner Meinung nach trotzdem auch in diesem Zusammenhang passen.
** Zitat aus dem Buch Coaching Agile Teams von Lyssa Adkins, Kapitel „Master Yourself“

4 Antworten auf „Master Yourself – meine Haltung als Coach“

  1. Hallo Dagmar,

    ich finde deine Beiträge echt klasse. Auch wenn man nicht gerade Coach werden will sind deine Einblicke in agile Arbeitsmethoden, Scrum und co. sehr hilfreich.
    Das Wissen wird von dir sehr gut in einem lockeren Text verpackt, lässt sich wirklich gut lesen.

    Liebe Grüße
    Bettina

    1. Hallo Bettina

      das freut mich sehr zu hören – ich freu mich über Feedback 🙂 Die Themen sind letztlich auch gar nicht nur für Coaches gedacht, sondern Vieles davon können wir in unserem ganz normalen Arbeitsalltag und im Miteinander mit anderen Kolleginnnen & Kollegen nutzen.

      Ich wünsch dir weiterhin viel Spaß beim Lesen und viele Grüße
      Dagmar

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